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Stelzenfestspiele bei Reuth e.V.
Stelzenfestspiele bei Reuth e.V.

Tanna
 
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Landmaschinensinfonie
 
Stelzenfestspiele bei Reuth – wenn wir nicht wüssten, dass dahinter ein Treffen höchst sonderbarer Musikanlagen, lebensfroher Lautenschläger, erstaunlicher Sportskanonen, kuchenbackender Dorfpoeten und zeltender Sommerfrischler steckt – allein die Lautmalerei der drei Worte Stelzenfestspiele bei Reuth verriete dies.
Zunächst inflationiert das aufrechte deutsche „e“. Stelzenfest. Felsenfest hören wir dahinter, ehern und extrem gesellig, ebenerdig, edelfedern. Wir sehen die normale, biedere Welt mindestens zwei Meter über dem Boden schweben. Fest auf Stelzen. Diese hochtrabende Angelegenheit, quasi ein E-Musikfest voller Ernst, wird spielerisch aufgefangen; es rutscht nach den vielen e’s fast auf dem i aus – wie es findige Spiele, listige Kinder, friedliche Kirchenlieder so an sich haben. Stelzenfestspiel. Diesem Viersilbenwort aber folgen gleich zwei Zwielaute: bei Reuth. Bei zweien in der Schlange kann man schon von einem Zwielaut-Auflauf sprechen – ei und eu – für Beherrscher des Deutschen Diphthonge genannt – die nicht nur eine wunderbar kalauernde Wirkung haben – auch der Kalauer trägt stolz seinen Diphthong in sich, sondern Brücken hinüber schlagen. Zum einen ins fränkische Bayreuth, ein Ort, der - viele werden das gar nicht wissen – seltsamerweise auch Festspiele austrägt, etwas phantasielos „Bayreuther Festspiele“ geheißen, regelmäßig von Allerweltsbürgern heimgesucht, die da heißen EU-Kommissions-Präsident und Bundeskanzlerin oder auch bekannte Namen tragen wie Jette Joop.

StelzenfestspieleZum andern aber heißt bei Reuth ja bei Sachsen, denn Reuth ist sächsisch – und dass Thüringen sich nun zu seiner geschichtlichen Herkunft bekennt, quasi als sächsisches Anhängsel firmiert, wird bei mitteldeutschen Fusionsverhandlungen, die in dreißig, vierzig oder gar vier Jahren beginnen werden, von den sächsischen Machthabern wohlwollend berücksichtigt werden. Der Thüringer Kulturpreis wird dieses Jahr also vorsorglich schon hart am Rande des Landes stationiert, um so leichter kann er von Leipzig, der künftigen Hauptstadt, vereinnahmt werden.
Warum Leipzig die künftige mitteldeutsche Hauptstadt wird? Nun, ohne Leipzig, kein Gewandhaus, ohne Gewandhaus kein Henry Schneider, ohne Schneider keine Stelzenfestspiele. Schneider ist der Erwin Stache im Fleische der Gewöhnung. Doch ehe wir weiteren Personennamenskult betreiben: Ohne Leipzig auch kein Fußballspiel zwischen Stelznern und Gewandhäuslern.
Wenn Fußballbeine aufeinandertreffen – ich assoziiere frei, quasi wie die free Jazzer - dann hat das einen eigenen Klang. Am Klange hängt, zum Klange drängt doch alles, singt der Dichter und ergänzt – ach wir Armen! Nein arm ist man nicht in Stelzen bei Reuth, sondern reich. An Armen, die mitmachen, die natürlich keine Einkommensschwache, sondern Körperteile sind. Reich ist man auch an Ideen, die andernorts für fünf Festivals reichten. Denn der Zusammenklang von Landmaschine und Knäckebrot, von Chor und Caruso, von Semperoper und Sampler, von Jazz und Heute, von Seele und Sälen ist es, was die Stelzenfestspiele so einmalig macht. So einmalig in ihrem Zwieklang von Dorf und Oper, von Traktor und Tricks, dass man den Machern zurufen möchte. Ein drei-fach Hoch auf Stelzen! Herzlichen Glückwunsch zum Preis am äußersten Rande thüringisch-kulturellen Denkens.

(Laudatio zur Thüringer Kulturpreis-Verleihung von Matthias Biskupek, 6. Dezember 2007)



 
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