TAZ|20.07.2008: Fürstliche Kunstförderung
Erfurter Raufasertapete, Teil 2. Eine taz-Veröffentlichung sorgt für Diskussion in Thüringen. Ein Kurswechsel in der lokalen Kulturpolitik scheint überfällig.
Der Artikel "Erfurter Raufasertapete" (taz vom 11. Juli 2008) über die kulturelle Wüste in der thüringischen Landeshauptstadt ist auf große Resonanz gestoßen. In den Erfurter Lokalmedien gab es prompte Reaktionen. Radio- und TV-Stationen berichteten, und die tägliche erscheinende Thüringer Landeszeitung (TLZ) veröffentlichte unter der Überschrift "Totsparen der Kleinen?" einen größeren Artikel. Der ehrenamtliche Kulturbeigeordnete der Stadt Erfurt, Karl-Heinz Kindervater, verteidigte darin die desaströse Kulturpolitik. Befragt zur mangelnden Unterstützung für örtliche Kunst- und Kulturprojekte sagte Kindervater, dass man dem Kunsthaus, dem seitens der Kommune jegliche finanzielle Unterstützung gestrichen wurde, "kein Geld hinterherwerfen sollte".
Wem stattdessen Geld hinterhergeworfen wird, ist schnell auszumachen: Zum diesjährigen Kulturjahrthema: "200 Jahre Erfurter Fürstenkongress 1808-2008" werden mehrere hunderttausend Euro an Fördergeldern ausgegeben.
Die Multimediainszenierung "Versammlung der Geister" am 6. September auf den Domstufen lässt sich die Stadt Erfurt allein 97.000 Euro kosten. Im Pressetext zum geplanten Spektakel mit Musik, Licht und Spezialeffekten heißt es: "Während des Fürstenkongresses 1808 kommt es zu einem verbürgten Treffen zwischen Napoleon und Goethe. Der Kaiser lässt sich von Monsieur Gäth, wie er ihn nennt, beeindrucken. Der Dichter bewundert Napoleon und wird ihn Zeit seines Lebens gegen alle Angriffe verteidigen. Im Jahr 2008 kommen die Geister der Herren Napoleon und Goethe wieder zusammen, diesmal auf den Domstufen. Der Geist Goethes kommt in Erinnerung an das Lob auf den Dichter, das er von Napoleon 1808 in Erfurt vernahm … Beide Geister sind auf der Suche. Sitzen nun auf den Domstufen, sind vergeistigt in ihren Erfahrungen … So beginnt ein Dialog der beiden Geister mit viel Witz, Wissen und Information."
Nach der Geisterbegegnung findet ab dem 14. September eine sechswöchige Ausstellung mit dem Titel "Feine Leute: Mode und Luxus zur Zeit des Empires" im Erfurter Museum für Thüringer Volkskunde statt. Die Stadt fördert das Ausstellungsvorhaben mit 135.000 Euro. Zu sehen seien Angehörige der Oberschicht, wie sie damals ihre Häuser und sich selbst ausstatteten. In der Ankündigung ist zu lesen: "Der Kontrast, der sich solchermaßen auftut zum Leben der ,Kleinen Leute', denen die Dauerausstellungen des Museums gewidmet sind, ist gewollt und Bestandteil des Konzeptes. Opulenz in der Ausstattung der Exposition sollen hochkarätige Leihgaben aus Paris, St. Petersburg, Wien, Berlin und anderen Orten garantieren."
Für die fünfmonatige Ausstellung "4.000 Jahre Gastgewerbe" im Stadtmuseum wurden 125.000 Euro bewilligt. Auch diese Show benutzt den Dichterfürsten: "Wussten Sie, dass Goethes Großvater Gastwirt war und Schiller ständig was auf dem Kerbholz, nämlich Zechschulden, hatte? Oder wie eine Menschenfressergabel oder ein Brot aus der ältesten Betriebskantine der Welt aussehen? Erstmals widmet sich eine Ausstellung der Gastgewerbe-Historie über Jahrtausende hinweg."
Zum Vergleich: Die eingestellte jährliche Förderung der Stadt für das Kunsthaus Erfurt betrug zuletzt für Personal- und Sachkosten 42.000 Euro. Ungelöst ist auch die Zukunft des leer stehenden Schauspielhauses. Die Initiative Neues Schauspiel Erfurt kämpft seit Jahren darum, das alte Theatergebäude wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Hamburger Architekt der neuen Erfurter Oper, Jörg Friedrich, forderte schon Ende 2004: "Eine Stadt wie Erfurt braucht sowohl ein Schauspielhaus als auch eine Oper." Das Schauspielhaus könnte schon durch eine Investition von 1,5 Millionen Euro wieder bespielt werden. Wer Verantwortliche für schlechte Pisa-Werte sucht, in Erfurt kann man sie finden.
Der Artikel "Erfurter Raufasertapete" (taz vom 11. Juli 2008) über die kulturelle Wüste in der thüringischen Landeshauptstadt ist auf große Resonanz gestoßen. In den Erfurter Lokalmedien gab es prompte Reaktionen. Radio- und TV-Stationen berichteten, und die tägliche erscheinende Thüringer Landeszeitung (TLZ) veröffentlichte unter der Überschrift "Totsparen der Kleinen?" einen größeren Artikel. Der ehrenamtliche Kulturbeigeordnete der Stadt Erfurt, Karl-Heinz Kindervater, verteidigte darin die desaströse Kulturpolitik. Befragt zur mangelnden Unterstützung für örtliche Kunst- und Kulturprojekte sagte Kindervater, dass man dem Kunsthaus, dem seitens der Kommune jegliche finanzielle Unterstützung gestrichen wurde, "kein Geld hinterherwerfen sollte".
Wem stattdessen Geld hinterhergeworfen wird, ist schnell auszumachen: Zum diesjährigen Kulturjahrthema: "200 Jahre Erfurter Fürstenkongress 1808-2008" werden mehrere hunderttausend Euro an Fördergeldern ausgegeben.
Die Multimediainszenierung "Versammlung der Geister" am 6. September auf den Domstufen lässt sich die Stadt Erfurt allein 97.000 Euro kosten. Im Pressetext zum geplanten Spektakel mit Musik, Licht und Spezialeffekten heißt es: "Während des Fürstenkongresses 1808 kommt es zu einem verbürgten Treffen zwischen Napoleon und Goethe. Der Kaiser lässt sich von Monsieur Gäth, wie er ihn nennt, beeindrucken. Der Dichter bewundert Napoleon und wird ihn Zeit seines Lebens gegen alle Angriffe verteidigen. Im Jahr 2008 kommen die Geister der Herren Napoleon und Goethe wieder zusammen, diesmal auf den Domstufen. Der Geist Goethes kommt in Erinnerung an das Lob auf den Dichter, das er von Napoleon 1808 in Erfurt vernahm … Beide Geister sind auf der Suche. Sitzen nun auf den Domstufen, sind vergeistigt in ihren Erfahrungen … So beginnt ein Dialog der beiden Geister mit viel Witz, Wissen und Information."
Nach der Geisterbegegnung findet ab dem 14. September eine sechswöchige Ausstellung mit dem Titel "Feine Leute: Mode und Luxus zur Zeit des Empires" im Erfurter Museum für Thüringer Volkskunde statt. Die Stadt fördert das Ausstellungsvorhaben mit 135.000 Euro. Zu sehen seien Angehörige der Oberschicht, wie sie damals ihre Häuser und sich selbst ausstatteten. In der Ankündigung ist zu lesen: "Der Kontrast, der sich solchermaßen auftut zum Leben der ,Kleinen Leute', denen die Dauerausstellungen des Museums gewidmet sind, ist gewollt und Bestandteil des Konzeptes. Opulenz in der Ausstattung der Exposition sollen hochkarätige Leihgaben aus Paris, St. Petersburg, Wien, Berlin und anderen Orten garantieren."
Für die fünfmonatige Ausstellung "4.000 Jahre Gastgewerbe" im Stadtmuseum wurden 125.000 Euro bewilligt. Auch diese Show benutzt den Dichterfürsten: "Wussten Sie, dass Goethes Großvater Gastwirt war und Schiller ständig was auf dem Kerbholz, nämlich Zechschulden, hatte? Oder wie eine Menschenfressergabel oder ein Brot aus der ältesten Betriebskantine der Welt aussehen? Erstmals widmet sich eine Ausstellung der Gastgewerbe-Historie über Jahrtausende hinweg."
Zum Vergleich: Die eingestellte jährliche Förderung der Stadt für das Kunsthaus Erfurt betrug zuletzt für Personal- und Sachkosten 42.000 Euro. Ungelöst ist auch die Zukunft des leer stehenden Schauspielhauses. Die Initiative Neues Schauspiel Erfurt kämpft seit Jahren darum, das alte Theatergebäude wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Hamburger Architekt der neuen Erfurter Oper, Jörg Friedrich, forderte schon Ende 2004: "Eine Stadt wie Erfurt braucht sowohl ein Schauspielhaus als auch eine Oper." Das Schauspielhaus könnte schon durch eine Investition von 1,5 Millionen Euro wieder bespielt werden. Wer Verantwortliche für schlechte Pisa-Werte sucht, in Erfurt kann man sie finden.

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