Grundsatzpapier der LAKS Baden-Württemberg zur kulturellen Vielfalt in der Kulturarbeit
Migration ist ein globales Phänomen, das die kulturellen Interessen und das Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst. Dabei identifizieren sich immer weniger Menschen mit einer, eindeutigen und in sich abgeschlossenen Herkunftskultur, vielmehr prägt eine umfassende und vielschichtige kulturelle Vielfalt die Lebenswelten der Bewohner unserer Städte und Gemeinden. Für die Kulturpolitik und –Arbeit bedeutet dies, dass das Publikum der Zukunft in seiner Mehrheit ein Publikum sein wird, das von Migrationserfahrung, von Inter- und Transkulturalität geprägt ist.
Mitteleuropa hat in seiner Geschichte durch Völkerwanderungen und Vertreibungen immer wieder große Integrationsleistungen bewältigt. Deutschland im speziellen hat in der Zeit der Industrialisierung weitere Integrationen erreicht, erinnert sei hier u. A. an den Zuzug der italienischen Gleisarbeiter beim Bau der Eisenbahnen. In der Folge des 2. Weltkrieges wurden die Vertriebenen aus dem Osten in den Städten und Dörfern aufgenommen.
Durch die Anwerbung der „Gastarbeiter“ in der Folge des „Wirtschaftsaufschwungs“ der 50er und 60er Jahre kam eine neue Herausforderung auf die Gesellschaft zu. Menschen kamen ins Land, die nur als Arbeitskräfte kommen sollten, aber dann mit Familien kamen und blieben. Die Kulturpolitische Gesellschaft erklärte jüngst: „Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell“. Damit ist eine Kulturpolitik gemeint, die dieser geänderten Realität Rechnung trägt und entsprechende kulturelle Aktivitäten und Angebote fördert. Bislang jedoch hat die Kulturpolitik des Landes (ebenso wie große Teile des Kulturbetriebs) auf diesen sich kreativ und teilweise auch konflikthaft vollziehenden Wandel in unserer Einwanderungsgesellschaft keine angemessene Antwort gefunden und überlässt dieses Feld weitgehend der Sozial- und Ordnungspolitik.
Eine auf kulturelle Vielfalt ausgerichtete Kulturarbeit liegt wohl im strategischen Eigeninteresse der Kulturbetriebe, besonders wenn man den Blick auf die Entwicklung der Gesellschaft richtet. Schon heute sind bei den unter 14jährigen je nach Stadtgröße zwischen 40 bis 60 % Migranten, bei den unter 7jährigen liegt dieser Anteil zwischen 60 bis 75 %, so das Ergebnis der Sinus-Studie. Dieser Tatbestand hat sich jedoch im Handeln der Verantwortlichen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen noch nicht niedergeschlagen. Denn zu gering ist noch die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Migrantinnen und Migranten, zu wenig Austausch, Kooperationen und Beschäftigungsverhältnisse mit Kulturproduzenten sowie Kulturkonsumenten migrantischer Herkunft gibt es, zu groß sind noch Unwissenheit und Unkenntnis über die Lebenswirklichkeit und die kulturellen Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten. Immer noch herrschen Klischees, Stigmatisierungen und Diskriminierungen vor. Doch auch der verständliche Wunsch nach Besitzstandswahrung, die Erbhöfe über Jahre gewachsener Kulturförderung, stehen – in Zeiten von Mittelkürzungen und knappen Kulturetats erst recht – einer Neuorientierung entgegen. Und nach wie vor fehlen umfassende, auf Projekterfahrungen basierende, nachhaltige Konzepte. Entsprechend sind die hier aufgeführten Grundsätze und Forderungen bei weitem nicht abschließend, sondern lediglich Teil eines offenen Entwicklungsprozesses.

Herausforderungen für die soziokulturellen Zentren
Generell und von Anfang ihres Bestehens an beinhalten die grundsätzliche Ausrichtung und der Standpunkt soziokultureller Zentren die Partizipation breiter Bevölkerungsschichten. Es ist eine Querschnittsaufgabe und zugleich Anspruch dieser Häuser, verschiedene soziale und kulturelle Lebenswirklichkeiten zu repräsentieren und in der täglichen Arbeit auch zusammenzuführen und widerzuspiegeln. Mit Blick auf die zunehmende Bedeutung von Migration stehen unsere Gesellschaft und somit auch die Soziokulturellen Zentren nun vor der erweiterten Aufgabe, sich aktiv dem interkulturellen und interreligiösen Dialog zu stellen, dessen Voraussetzung die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben ist. Soziokulturelle Zentren haben sich bereits früh den Herausforderungen der kulturellen Vielfalt gestellt und mit Einzelprojekten und Initiativen beispielhaft Möglichkeiten einer interkulturellen Kulturarbeit aufgezeigt. Dennoch bedarf es auch für die soziokulturellen Zentren einer weiteren systematischen interkulturellen Öffnung, und zwar auf mehreren Ebenen, z. B.:
•im weiter auszubauenden Selbstverständnis
•in den Gremien
•beim Ehrenamt / Personal und
•in den inhaltlichen Programmen und Angeboten.
Soziokulturelle Zentren haben immer auch interkulturelle Elemente. Deshalb ist für sie auch die kulturelle Vielfalt kein Nischenthema oder „exotisches Beiwerk“, sondern steht als integrierter Bestandteil im Zentrum ihrer Arbeit. Menschen mit Migrationshintergrund müssen dauerhaft als Publikum und auch als aktiver, gestaltender Teil soziokultureller Arbeit gewonnen werden. Dazu ist es notwendig, dass Programm und Angebote in weitaus stärkerem Maße als bisher die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Einwanderungsgesellschaft widerspiegeln. Hierzu zählt nicht nur die breite und variable Palette klassischer migrantenspezifischer Angebote, es ist vor allem auch wichtig, neue transkulturelle künstlerische Ausdrucksformen aufzugreifen und „Werkstätten der Kulturen“ zu errichten.
So sehr all dies ein permanenter „work in progress“ darstellt, so definitiv ist die Festlegung, dass es sich hierbei nie um eine Arbeit für, sondern stets um eine mit Migrantinnen und Migranten handelt. Partizipation ist hier das zentrale Schlüsselwort und reicht von gleichberechtigten Kooperationen mit Migrantenorganisationen über eine stärkere Zusammenarbeit mit ortsansässigen Künstlern mit Migrationshintergrund bis hin zur Mitarbeiterstruktur: So ist es anzustreben, mehr Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund in die Arbeit der Zentren einzubinden - sowohl bei den Hauptamtlichen, als auch bei den Ehrenamtlichen, die in zahlreichen Häusern der LAKS Baden-Württemberg eine wichtige Rolle spielen.
Ein qualifizierter Erfahrungsaustausch ist von zentraler Bedeutung für den Erfolg und die Nachhaltigkeit von Interkultur, insbesondere auch für die Weiterentwicklung tragfähiger Konzepte. Die LAKS Baden-Württemberg organisiert einen solchen regelmäßigen Erfahrungsaustausch (und wirbt beim Land hierfür entsprechende Mittel ein).

Herausforderungen für das Land
Auf Landesebene ist die Beschäftigung mit kultureller Vielfalt bislang bei unterschiedlichsten Ministerien verortet, weitgehend unkoordiniert und für den Kulturschaffenden bzw. Kulturtreibenden nur schwer identifizierbar.
Deshalb ist für das Anschieben von Veränderungen in einer Startphase ein zentraler Ansprechpartner für inter- bzw. transkulturelle Kulturarbeit vorstellbar, der initiierend und fördernd, steuernd und moderierend tätig ist.
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Verabschiedet auf der Fachkonferenz zur Interkultur „Raus aus der Nische – rein ins Zentrum der Zentren“ im ROXY/ Ulm

 
 
 
 
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